Ausgewählter Vortrag:
Die 7½ Todsünden barrierefreien Webdesigns
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21.11.2008, 15:40–16:25 Uhr, Raum 1
Das Netz quillt über mit gut gemeinten Ratschlägen zur Umsetzung barrierefreier Webseiten. Beherzigt man diese wortwörtlich, dann steht man oftmals hinterher mit mehr Barrieren da als vorher. Eric Eggert zeigt, wovon Sie die Finger lassen und was Sie höchstens wohldosiert einsetzen sollten.
Unterlagen
Transkription:
Moderation Klaus Miesenberger:
Darf ich wieder bitten, dass die Sitzplätze eingenommen werden… Fasten your seatbelts, turn off any electronic equipment, we are ready for take-off. Danke für die Aufmerksamkeit. Die siebeneinhalb Todsünden barrierefreien Webdesigns, jetzt werden wir, ich bin schon gespannt, Ratschläge bekommen oder sind es doch die neuen zehn Gebote. Eins wurde zumindest erkannt, zehn Gebote ist nicht ganz barrierefrei, doch etwas ein cognitive overload. Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, die zehn Gebote auswendig lernen zu müssen. Ich bin schon gespannt auf die Darstellung, welche sieben Todsünden wir immer machen, präsentiert von Eric Eggert, schon erwähnt, der Organisator, der Präsentator, der Mann für alles bei dieser Veranstaltung, arbeitet für WebKrauts und ich freue mich schon auf die Todsünden.
Vortrag Eric Eggert:
Vielen Dank! Ja, richtig, Mann/Mensch für alles und jetzt auch noch mit einem Vortrag nerviger Weise, hat aber damit zu tun, dass jemand, der gerne hier gewesen sein würde nicht hier ist, nämlich Tomas Caspers. Ich bin nicht Tomas Caspers, falls Sie sich mit dieser Informatiker-Anotation auskennen. Ich habe aber mit ihm zusammen haben wir uns die Überschrift ausgedacht und als mich dann letzte Woche anrief und sagte, dass er nicht kommen kann, habe ich ihn gefragt, was er denn schon hätte von dem Vortrag und er meinte: „Ja, die Überschrift ist schon fertig.“. [Lachen] Ich habe dann nach Ersatz gesucht, das war aber allen zu knapp und dann hab’ ich’s gemacht. Kein Wunder, dass ich wirklich für alles meinen Kopf hinhalten muss heute.
Mein Name ist Eric Eggert, ich bin freier Webdesigner, bin Mitglied bei den Webkrauts und von der HTML-5-Arbeitsgruppe und der Bad-Task-Force des W3C. Bad-Task-Force ist vielleicht nicht so bekannt. Das ist eine Gruppe, die vorher-Nachher-Beispiele macht von Webseiten, damit man sich das anschauen kann und damit man positive Beispiele hat zu den Techniken einfach. Zudem bin ich Organisator des Web-Montags hier in Wien und noch so einer anderen Veranstaltung, A-Tag und Webdesign mach’ ich seit 2001.
Sieben Todsünden kennen wir und da gibt’s die Catholic Church Hardcore Edition [Lachen] und die haben natürlich auch eine Definition davon, was eine Todsünde ist, die steht im KKK. Ich habe das bei Wikipedia gelesen und dachte Ku-Klux-Klan, macht überhaupt keinen Sinn. Es ist der Katechismus der katholischen Kirche, eine mir nicht bekannte Abkürzung, weil ich dieser Religionsgruppe nicht angehöre. Und da steht drin in der Abteilung 1.857: „Damit eine Tat eine Todsünde ist, müssen gleichzeitig drei Bedingungen erfüllt sein. Eine Todsünde ist jene Sünde, die eine schwerwiegende Materie zum Gegenstand hat und die dazu mit vollem Bewusstsein und bedachter Zustimmung begangen wird.“. Aha, gut, kann ich verstehen, schwerwiegende Materie zum Gegenstand haben, vielleicht zählt da auch barrierefreies JavaScript dazu, man weiß es nicht. Volles Bewusstsein, o.k., freier Willen, macht Sinn irgendwo, dass das die Definition von Todsünde ist. Hier haben wir diesen Tisch, das ist ein Tisch, das wird aus dem Bild nicht ersichtlich, leider, von Hieronymus Bosch, auf dem die sieben Todsünden dargestellt werden und dazu die letzten vier Dinge, also Totenbett, letztes Gericht, Himmel und Hölle, nur einmal zur Illustration, wie man sich so etwas, mit Todsünden und so, vorstellen kann, ich kenn das ja nicht aus eigener Erfahrung. Aber ich kann was über die siebeneinhalb Todsünden des barrierefreien Webdesigns sagen und zwar ist das jetzt die W3C-Hardcore-Edition, first working draft [Lachen]. Mal schauen, was wir da finden.
Ich habe mich an den klassischen Todsünden, also eigentlich sind es gar keine Todsünden, das ist so eine ganz schwammige Sache, so wie das mit Religionen manchmal ist. Man sagt zwar, es gibt diese sieben Todsünden, aber in Wirklichkeit sind es nur die Dinge, die man, also nur wenn es wirklich in die Extreme geht, sind es wirklich Todsünden, ansonsten sind es lässliche Sünden und, keine Ahnung, der Wikipedia-Eintrag hat mich da auch nicht wirklich weitergebracht in meiner Erkenntnis.
Es gibt auf jeden Fall Superbia, hab ich mir sagen lassen. Mein Latein ist übrigens auch nicht das Beste, kann ich aber auch drauf verzichten im Moment. Superbia, Hochmut, Hochmut kommt vor dem Fall und man kennt das vielleicht, diese kleinen Logos, die oft auf vielen Webseiten sind, diese HTML-4-kompatibel und XHTML-1.0 und dann gibt es noch CSS, das sind total wichtige Informationen, wenn man auf die Seite kommt. Und dann gibt’s natürlich auch WCAG 1 A, AA und AAA. Es ist wichtig, dass man diese Buttons hat anscheinend, noch wichtiger ist, dass man die nicht nur in gelb, sondern auch in blau hat, denn das muss natürlich auch ein bisschen abwechslungsreich sein. Viele Leute machen die auf die Webseite und rechnen aber nicht damit, dass so was zum Einsatz kommt, das ist ein What-You-See-Is-What-You-Get-Editor und dann ist das Ganze wieder hin. Das ist ein bisschen ungeschickt, aber es ist wichtig, dass erstmal damit anzugeben, eine klassische Todsünde.
Es gibt noch so eine Todsünde, noch so ein Hochmut-Fall, der ein bisschen bekannter ist, auch aus den Medien, und zwar erinnere ich mich noch, 2003 kurz nach dem Irak-Feldzug, also kurz nach dem vermeintlichen Ende des Irak-Feldzugs, muss man ja sagen, da gibt’s dieses Bild mit George W. Bush und „mission accomplished“, immer sehr schön. Oft hab’ ich so das Gefühl, viele Webagenturen und Webdesign-Firmen stellen eine Webseite hin und sagen: „So. ich bin jetzt fertig, das ist mein fertiges Produkt und damit habe ich es erreicht.“, ist oft nicht so und diese Mission-Accomplished-Haltung, dieses „wir haben jetzt ein barrierefreies Template geschafft und das reicht uns und jetzt sind wir fertig“ und das finde ich, ist eine wichtige Todsünde. Oft gibt es auch solche Aussagen oder solche Aussagen. Solche Aussagen: „Wir bekommen die Webseite auch irgendwie barrierefrei hin.“ Von irgend welchen Agenturen, „im Zweifelsfall machen wir halt eine Textversion, das passt schon irgendwie.“. Ja, tut sie nicht, ist auch, also sich das anzumaßen, dass man Barrierefreiheit könnte, obwohl man’s nicht kann und sagt: „Wir werden uns die Sachen schon irgendwie aneignen.“, kann manchmal auch sehr hochmütig sein. Aber das gibt’s auch auf Kundenseite. Die Kunden sind nicht die strahlenden Vorbilder/Engel, für die man sie halten könnte. Die sagen nämlich oft, ja, wir können das schon selbst mit CMS, lassen Sie mal alles drin, da können wir schöne Farben machen, das wird ganz toll. Das ist auch ein bisschen hochmütig. Man sollte auf beiden Seiten oft ein bisschen untertäniger sein und sich da ein bisschen doch zurücknehmen. Das war’s zu Hochmut.
Kommen wir zur zweiten Todsünde und die ist Geiz, Avariata, nein Avaritia. Wie gesagt, mein Latein ist super, es wird immer besser jetzt im Laufe des Vortrags. Da gibt’s solche Sachen oder hat man oft diesen Spruch gehört: „Dem Sohn des Freundes meines Nachbarn sein Onkelmacht aber eine ganz billige Homepage.“. Ja, aber gut, diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei. Ich glaub, bei ernsthaften Webprojekten ist das vorbei. Es gibt immer Hobby-Bastler und Menschen, die denken, Hobby-Bastler sind das richtige für ihr Projekt und dann sollen diese Hobby-Bastler das bitte auch machen. Was ich schlimmer finde beim Thema Geiz sind Leute, die sich mit dem Thema Barrierefreiheit auseinandersetzen und dann zu mir kommen und folgende Frage stellen: „Müssen wir wirklich Level AA erfüllen oder reicht nicht Level A?“. Dieses Streben nach dem Mindestfitzelchen, was man noch an Arbeit abgeben könnte und nicht machen könnte, das ist was, was mir widerstrebt und wenn man das in der religiösen sicht sieht da hat man ja auch irgendwie das Streben nach Perfektionismus und alle sollen möglichst inkludiert sein und alle zusammen, einer für alle und alle für einen oder so. Ich finde es nicht schön, wenn man dann versucht, die Anforderung auch an sich selbst so zu drücken und zu sagen, ja aber mir reicht das schon, wenn das Level A ist, mehr muss nicht sein.“. Und dann gibt’s auch so Aussagen wie „Die ganz alten Sachen muss ich aber nicht barrierefrei machen.“. Ja, es ist doof, wenn irgendwie ein Grundsatzprogramm ist, dass zwar schon zehn Jahre alt ist aber immer noch Gültigkeit hat. Man sollte sich da ein bisschen auf den gesunden Menschenverstand, oh, den erwähn’ ich besser nicht. Also, die zentrale Frage, wie kann ich mich davor drücken, hat so noch niemand gefragt. Aber das schwingt immer unterschwellig mit und das ist was, was mir sehr widerstrebt und was ich definitiv als Todsünde empfinde.
Kommen wir zur nächsten Todsünde, Neid. Neid war ein bisschen schwer, Nvidia, für die Lateiner unter uns. Ich dachte erst an diesen Grafikprozessor [Lachen], aber ich habe die Connection noch nicht rausgefunden. Neid war schwierig, weil ich habe irgendwie nicht wirklich was analoges gefunden und dann ist es mir ein bisschen von den, dann hab ich es doch irgendwie rausbekommen. Da gibt es immer diese Haltung: „Die anderen haben doch aber viel mehr Ressourcen als wir. De können auch viel mehr Leute bezahlen und dann ist es klar, dass die barrierefrei sind, aber wir können das nicht.“. Für mich schwingt da so ein bisschen Neid mit raus, so ein bisschen wir haben das geschafft und in Wirklichkeit weiß derjenige, der das sagt meistens gar nicht, mit welchem Budget die ausgestattet waren und was da passiert ist. Dann kommen solche Sachen und man denkt sich, ja ist o.k., aber ihr müsst im Rahmen eures Budgets die Sachen auch machen. Oder das beliebte „andere Webseiten müssen doch auch nicht barrierefrei sein.“. Ich hatte das letzte Mal eine Accessibility-Schulung gemacht und dann hab ich gezeigt als Aufhänger den „Standard“ und hab gezeigt, oben links sind irgendwie zwei Links zu einer „nur Text“-Version und zu einer mobilen Version und dummer Weise sind die irgendwie weißer Text auf hellgrauem Grund. Man konnte es halt wirklich nicht sehen und ich habe gesagt, so das ist so eine Alltagssache, wo man echt selbst auch Probleme hat, wenn die Seiten nicht barrierefrei sind oder wenn der Kontrast nicht stimmt. Was ich mir anhören musste war: „Ja wenn „der Standard“ nicht barrierefrei ist, wie sollen wir das schaffen als kleinere Organisation.“ Irgendwie ist der Schuss völlig in die falsche Richtung losgegangen und deswegen werde ich das Beispiel nicht mehr bringen. Aber da ist irgendwie auch die Vorreiterrolle völlig abhanden gekommen und es wird nur versucht, sich auf sein Minimum zu beschränken. Wie gesagt, es war schwierig und deshalb auch sehr klein.
Jetzt die vierte Todsünde und das ist der Zorn, Ira. Auch da eine kleine Anekdote dazu: ich saß in derselben Accessibility-Schulung oder stand vielmehr und hab geschult, und auf einmal sagt einer der Teilnehmer: „Es ist doch gar nicht möglich, Seiten barrierefrei zu machen.“. Ich habe ihn dann gefragt, was er damit meint und er sagt: „Es geht halt nicht, dass eine Seite auf so einem kleinen Monitor funktioniert und so einem großen.“. Ich habe dann erwähnt, dass das vielleicht nichts mit Barrierefreiheit zu tun hat und dass man darüber doch später reden könnte. Er war sehr engagiert dabei und sehr emotional auch bei der Sache, was ich gar nicht nachvollziehen konnte, warum er so wütend war irgendwie auf mich. Er meinte dann später auch: „Tabellen ist ja eh viel einfacher und man sollte doch die nehmen.“ Und dann hab’ ich es auch gelassen. Ich habe dann gemerkt, das ist nicht mehr sehr Ziel führend, da zu diskutieren. Aber es gibt auch unter den Webentwicklern irgendwie so eine ganz fiese Antagonie, dass sie sich gegenseitig ihre Webseiten irgendwie validieren und sagen: „Du bist nicht valide [Lachen]! Also bist du auch nicht barrierefrei.“. Ok, dass das vielleicht manchmal nichts miteinander zu tun hat, z.B. wenn man ein YouTube-Video einbindet oder das nicht über JavaScript macht, na gut, es sei verziehen, wir müssen halt auch noch erwachsen werden. Genauso: „Deine Seite ist aber auch nicht barrierefrei.“ Mit irgendwelchen, an den Haaren herbeigezogenen Prüf-Tools überprüft, die definitiv überhaupt keinen Einfluss haben. In dem Fall ist es so, wenn mich eine Nachricht erreicht, dann ist das eher nicht der Zorn von der Person, die da die Todsünde ist, sondern meine, weil ich mir denke: „Ach, wieder ein paar hundert Bytes über die Email-Leitung geschickt, denen es nicht bedurft hätte!“. Es ist schwierig, mit solchen Leuten umzugehen und deswegen alles Todsünden, nicht gut. Was mich oft erreicht sind so Kritik wie: „Deine Seite ist doch auch nicht hübsch. [Lachen]“.
Das trifft mich schwer [Lachen], ich bin aber auch kein Grafiker. Da sag ich mir: „Ja, Hauptsache, man kann sie bedienen und sie ist einigermaßen ansprechend.“. Man muss auch seine eigenen Grenzen kennen, nur sollte das nicht in wüste Beschimpfungen ausarten, wenn die Seite von jemand anders nicht hübsch ist, kann ich nicht nachvollziehen.
Kommen wir zur fünften Todsünde, das ist Acedia, Faulheit, Feigheit, Ignoranz und ignorant sind viele Leute, auch im Webdesign. Wenn sie nämlich denken, sie haben die hohen Ansprüche und sie müssen alles schnell raushauen und die niedrigen Budgets. Wenn Qualität letztlich keine Rolle mehr spielt, dann kommt diese Ignoranz auf und dann gibt’s so Aussagen wie: „Der Nutzer muss schon dafür sorgen, dass er auf die Webseite zugreifen kann, auch wenn er blind ist oder auch wenn er sehbehindert ist. Ich habe damit ja nichts zu tun.“. Das ist zu einem Teil wahr, also wenn Eva versucht, eine Webseite ohne Screen-Reader zu lesen, wird se nicht weit kommen. Das ist definitiv so. Aber dann zu sagen, ich muss keine barrierefreie Webseite bauen, weil der Nutzer dafür verantwortlich ist, sich die Information zu erschließen ist ein bisschen sehr engstirnig gedacht. Auch oft: „Ich bin viel schneller fertig mit einer Tabelle, weil es geht ja auch viel einfacher und ist so intuitiv und ich kann das alles total gut warten.“ Es wird tatsächlich gesagt, obwohl es nicht wahr ist. Und es gibt diese nette Seite, give up and use tables [Lachen], und da steht halt drauf, wenn man es in 47 Minuten nicht geschafft hat, eine Webseite mit CSS umzusetzen, dann bekommt man von denen eine Tabellenstruktur, die man anpassen kann. Dafür braucht man drei Minuten, dann geht man sich zehn Minuten einen Donut holen und rechnet dem Kunden eine Stunde ab. Das ist theoretisch eine gute Strategie, die Frage ist, ob der Kunde/der Käufer das so bestellt hat. Und Christian hat eine Antwort auf die Seite dann gepostet unter „Should I use tables for layout.com?“ [Lachen] und der Inhalt ist halt „no“. [Lachen] Sehr fein! Was übersehen wurde ein bisschen, was eigentlich im Quelltext von diesem „give up and use tables“ passiert ist. Da gab es nämlich so nette, nicht standardkonforme Sarcasm-Text, also „Achtung, dieser Abschnitt ist Sarkasmus!“. Aber Christians Gegenentwurf ist auch ganz nett mit einem Template für diese No-Seite [Lachen] und mit der wichtigen Erkenntnis, die ich jetzt immer anführen werde: „Chuck Norris hates tables for Layout!“. [Lachen]
Ich find’ das gut. Es gab dann einen Bericht in einem renommierten Webmagazin namens „Ajaxian“ mit der Überschrift: „CSS and tables – the war continues“. Gut, jetzt kann man sagen, das eine war Sarkasmus, das andere war auch eine witzige Entgegnung und hier im weiteren Verlauf sind beide Seiten noch einmal per Screenshot abgebildet. Witziger Weise wurde aber nur der Quelltext von Chris’ Seite gezeigt, sodass der Sarkasmus irgendwie untergeht bei dieser Tabellenseite und es hat sich dann eine Diskussion über 57 Kommentare erstreckt, in der lang und breit diskutiert wurde, warum Tabellen besser sind für das Layout und dann kamen wieder andere Leute, die gesagt haben, ne, ist doch gar nicht wahr und das ist schon lang. Ich verstehe nicht, wie man sich an so einer Sache stoßen kann. Es ist für mich echt die Frage, natürlich ist das provokant und natürlich kann man auf diese Provokation eingehen, aber wenn wir über alles, was wir posten oder was gepostet wird irgendwo im Netz so leidenschaftlich diskutieren. Wenn wir auch über die wichtigen Punkte so leidenschaftlich diskutieren, dann wäre es natürlich sinnvoll. Aber man kann natürlich auch seine Energie in solche eher nutzlosen Diskussionen verbrennen.
Wir sind schon bei der sechsten Todsünde, Gula, klingt komisch, ist aber so, das ist Völlerei, Maßlosigkeit, Selbstsucht und Selbstsucht ist vieles. Ich hab hier ein Beispiel dabei, übrigens: es ist ein Beispiel von Tomas Caspers, dem ich das einfach mal geklaut habe. Es ist toll und man hat zwei Screenshots. Auf dem einen Screenshot ist halt die Möglichkeit, den Kontrast zu erhöhen und was erhöht wird, sind die Pfeile auf dieser Webseite, mit denen man den Kontrast erhöhen kann. Ansonsten hat das keine Auswirkungen auf die Webseite. Ich weiß nicht, ob die Beta ist oder Alpha oder überhaupt noch nicht da offiziell, aber man findet sie über Google, was für mich passt. Schriftgröße kann man vergrößern mit diesem Widget. Das Layout geht dann aber leider kaputt. Und was ganz wichtig ist, ist dieser Einschaltpunkt „Schaltfläche“, damit kann man nämlich alle Schaltflächen auf dieser Webseite vergrößern und zwar nur die, also nur die OK-Buttons und die Absenden-Buttons und Login-Buttons. Das ist irgendwie, ich weiß nicht, ob das Zielührend ist. Die Nur-Text-Version macht übrigens auch gar nichts, also das scheint mir irgendwie nicht sinnvoll zu sein. Vielleicht ist es aber auch nur ein Ablenkungsmanöver, man braucht gar keinen Nur-Text mehr, die sind nur irgendwie gedanklich auch voraus. Das kann natürlich sein, ich würde das nie abstreiten wollen.
Da habe ich noch ein Beispiel dabei, das in die Kategorie gehört, dass man ein bisschen viel machen kann oder zu viel machen kann oder falsch machen kann auch Accessibility-mäßig und zwar ist das das ZDF, das eigentlich eine sehr gute Online-Präsenz hat im Gegensatz zu österreichischen, großen, größten Sendern, [Lachen] was man glaub ich mit Fug und Recht behaupten darf. Nur, was mir aufgefallen ist, sind die Skiplinks auf der Seite. Zum Einen heißt die Überschrift vor den Skiplinks „zdf.de – springe direkt“. Also ich glaube, wenn man da ist, weiß man, dass man bei zdf.de ist und dann gibt es gleich fünf Sprunglinks und die sind sehr sinnvoll auch beschrieben, also „zum Inhalt“, OK damit kann ich leben. Dann aber, der zweite ist schon „zu den Kontextinformationen der Seite“. Gut, wer von Ihnen kann mir jetzt sagen, was auf der vorherigen Folie, was da Kontextinformationen sind? Ich habe nicht nachgeschaut, der springt irgendwo in den Footer, das reicht mir, um zu wissen, dass ich das wahrscheinlich nie brauchen würde, selbst, wenn ich es suchen würde. Dann gibt’s einen Link „zur Hauptnavigation“, o.k., und dann gibt’s noch einen Link „zur Globalnavigation“. [Lachen] Was ist eine Globalnavigation? In Deutschland, England, Österreich, macht beim ZDF auch irgendwie gar keinen Sinn. Man fragt sich das und die Sprungziele sind halt auch nett beschrieben, also der Sprunglink zur Navigation geht zu „headernav“, das ist o.k. und das andere geht dann zu „headertop“ und man denkt sich, nein ich glaube, es ist sogar oben, weil das genau so was ist wie ZDF-Geschäftsführungsetage, keine Ahnung. Und dann gibt es noch einen Sprunglink „zur Suche“, das ist auch o.k. Die Frage ist, ob man das alles mit Accesskeys und Tab-Index befüllen muss. Früher gab es noch viel mehr Sprunglinks, deswegen ärgert es mich, dass ich das erst vorgestern rausgesucht habe. Früher gab es glaube ich sieben oder neun sprunglinks, das war also ganz krass und die hatten alle Accesskeys und Tabindex-Attribute, die aber wenig Sinn machen mit 1, 2, 3, 4, 5, weil das eh das Erste ist, was überhaupt auf der Seite ist. Das kann man sich dann im Normalfall auch sparen.
Die siebte Todsünde ist Wolllust, ist sie? Ist sie. Luxuria für die Lateiner unter uns. Und hier will ich vor allem auf diese Sachen raus, wo Webentwickler sich denken: „Jetzt mach’ ich es barrierefrei und mach’s aber besonders richtig!“, so besonders, besonders richtig. Und ich hab’ auch ein besonders, besonders, besonders gutes Beispiel dabei und zwar ist das eine Tabelle von der Gesundheitsberichterstattung des Bundes in Deutschland, ja, so was gibt es. Ich wusste das bis vor kurzem auch nicht. Und da gibt es eine Tabelle, erstmal gibt es eine Überschrift: „aktiv Versicherte in der gesetzlichen Rentenversicherung (Anzahl, Gliederungsmerkmal Jahre, Deutschland, Alter, Geschlecht, Rentenversicherungsverhältnis, Rentenversicherungszweig)“. Da wissen Sie klar, was auf der Webseite da ist und was in der Tabelle kommt. Ich find’ das gut, wenn das so Beschreib-Überschriften gibt. Übrigens ist das so ein Beispiel, da sieht man, dass die Seite zugänglich ist, weil sie einfach so hässlich ist. [Lachen] Nein, das ist wahr. Eva, sei froh, dass du sie dir nicht anschauen musst. [Lachen] Es gibt beides, es gibt Webseiten, denen man nicht ansieht, dass sie zugänglich sind und das ist gut. Aber es gibt auch Webseiten, die so hässlich sind, dass sie zugänglich sein müssen, weil sonst haben die was falsch gemacht. Also, wenn schon hässlich, dann bitte auch zugänglich. Aber nicht, wenn zugänglich, dann auch hässlich, sondern schon die Reihenfolge einhalten. Auf jeden Fall auf der Webseite gibt’s eine relativ einfache Tabelle mit Altersgruppen in einer Spalte und in den anderen Spalten dann Jahre, die aufgelistet sind, also 1992, 1995, 2000, 2005 und 2006 und wenn man so eine Tabelle barrierefrei macht, das kennt jeder, das wird auch vom W3C-Validator immer angemeckert, dann muss da eine Summary rein. Und die Summary sieht so aus. Ich hab’s gezählt, es sind 511 Wörter, 3580 Zeichen [Lachen] und es beschreibt nicht einmal annähernd, was in der Tabelle ist. Es beschreibt vielmehr, wie man Jaws bedient, eine Telefonnummer, unter der man sich weitere Informationen zur Tabelle holen kann. Was geschickt wäre, wenn diese Tabelle einen Perma-Link hätte und man sagen könnte, ich bin auf der Tabelle. Das ist aber nicht so, weil irgendwie nach fünf Minuten wird der Datenbankserver getrennt von der Webseite oder von der Session, die man grade hat und dann kann man wieder von vorne anfangen. Was wird noch erklärt? Das Spalten- und Zeilenüberschriften vorgelesen werden in Screen-Readern, so wichtige Sachen halt, die man wissen muss, wenn man zufällig mit einem Screen-Reader, von dem man nicht weiß, wie man ihn bedient, auf diese Tabelle stößt. Und also ich lese das nicht vor. Machen Sie das selber, das ist die Hausaufgabe bis nächstes Jahr. Vielleicht schafft es wer, ich bin dabei eingeschlafen.
Damit komm’ ich auch schon zum Schluss, was zeigt, dass ich wieder mehr Powerpoint-Karaoke als alles andere gemacht hab’, weil ich doch ein bisschen der Zeit voraus renne, ist aber meistens so. Und für mich die schlimmste Todsünde, auch wenn sie hier nur halb gilt, aber keine klassische, ist Nonsensia. [Lachen] Und zwar gibt es eine Regel, die Tim Morris aufgestellt hat und se, selbstsüchtig, wie er halt ist, „the Morris law of standards“ genannt hat und sie heißt „however fucked up and crazy something is someone somewhere in a standard’s body is writing a parser schema or proposal for it“. Also auf Deutsch: „Egal wie beschissen oder verrückt etwas ist, irgendwer irgendwo in einer Standard-Institution schreibt eine Parser oder ein Schema oder irgend einen Vorschlag dafür.“. Und es führt oft zu Konfusionen, weil das wird ja alles öffentlich auf irgendwelche Mailinglisten gepostet, den ganzen Nonsense. Also was ich mir in der HTML 5 Arbeitsgruppe einfach anhören musste. Das fing an bei der Abschaffung des Alternativtextes bei Bildern, weil man sagt, das ist vielleicht doch nicht gut. Und solche Sachen kommen natürlich nach außen, bevor die Diskussion abgeschlossen ist, weil es hat ja niemand was dagegen, dass man darüber diskutiert, ob das sinnvoll ist oder nicht. Also ich hab da nichts dagegen, bin nur dafür, dass das alte Attribut bleibt, aber ansonsten bin ich definitiv dafür, dass man sich darüber unterhält und es gibt auch Diskussionen, die sehr viele Früchte tragen, aber irgendwie nicht im W3C. Also es gibt so gewisse Perma-Threads in diesen Mailinglisten, also grade bei HTML 5 ist es jetzt irgendwie eine Diskussion, die seit drei Monaten geht, ob man das Q-Element für Zitate, danke, ob man das behalten sollte, wenn, ob das Anführungsstriche haben sollte oder nicht, ob man das jetzt dazu macht, ob man das CSS überlässt, ob das jetzt Inhalte sind und diese Diskussion dreht sich immer im Kreis.
Da sind immer die gleichen drei Leute, die sich immer die gleichen Argumente um die Ohren werfen und es kommt nichts dabei raus. So Sachen sind echt nervig. Oder, was jetzt grade wieder passiert ist, ist die Frage, ob wir nicht einen Teil der Spezifikation mitten im Prozess ausgliedern wollen, weil das wäre doch so eine gute Idee, nein, ist es nicht. Und wenn so Dinge dann nach außen dringen und auf irgend ein Blog kommen und dann heißt es, ja, das scheiß W3C, was das wieder für dumme Ideen hat. Dabei ist es manchmal einfach sinnvoll, die einfachen Lösungen zu benutzen. Eine davon war immer die Diskussion, wie bekomme ich dieses Twitter-Eingabefeld barrierefrei. Wer weiß, was Twitter ist? Richtig, genau, wer weiß, was Twitter ist? Sehr gut, viele Twitterer hier! Sehr gut! Wie gesagt, mit A-Tag taggen und dann kommt das auf die Webseite, super. Hier das spannende, man darf 140 Zeichen eingeben und nicht mehr, offiziell. Wenn man mehr eingibt, dann gibt’s halt einen Perma-Link und man muss sich das online abrufen, was auch kein Problem ist. Und dann war die Diskussion, wie zeige ich einem Screen-Reader-Nutzer diese 140 Zeichen an. Und wenn ich mit meinem normalen visuellen Browser da rein gehe und tippe und dann zählt das halt runter und irgendwann ist es auf 0 und dann geht’s auf -1. Aber, was man nicht beachtet, es gibt diese Möglichkeit in HTML natürlich. Man kann ja einfach das MaxLength-Attribut setzen und dann ist es nach 140 Zeichen vorbei, da hat niemand was dagegen. Aber es wurde ein heiden Tam-Tam darum gemacht. Und das sind diese Auswucherungen von Nonsensia, diese Dinge, die anscheinend für manche Leute unglaublich wichtig sind, die aber letztlich keinen Einfluss haben auf das, was man wirklich macht. Ja, und damit bin ich mit meinen siebeneinhalb Punkten schon durch, bin aber gewillt, noch siebeneinhalb Fragen entgegen zu nehmen. [Lachen]
Vielen Dank! [Applaus]
Moderation Klaus Miesenberger:
Herzlichen Dank! Es ist die Beichte eröffnet. Wer möchte beginnen mit Fragen?
Herr Eggert:
Wir können auch ein Kirchenlied singen. Fragen, Anmerkungen, Bemerkungen, Beschimpfungen? Keine. O.k., vielen Dank!
Klaus Miesenberger:
Wenn dem nicht so ist, verlängert sich automatisch die Kaffee-Pause. Ich denke, das war Absicht vom Publikum [Lachen], aber trotzdem herzlichen Dank, ist kein Qualitätskriterium für den Vortrag gewesen, war sehr inspirierend, herzlichen Dank!
Eric Eggert