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»Mainstreaming Accessibility«: Was Webdesigner im Web 2.0-Zeitalter wissen sollten
05.11.2010, 13:10–13:40 Uhr, Raum 1Barrierefreiheit ist gesetzlich verankert: Wir haben Richtlinien, Techniken, Werkzeuge. Alleine, das Wissen darum und die Anwendung fehlen. Wie soll man die Situation ändern? Aus- und Weiterbildung scheint eine Möglichkeit zu sein, ob traditionell formell oder modern eigengesteuert. Doch traditionelle Curricula ändern sich kaum, auch wenn modernes eLearning vielversprechend ist… Klaus Miesenberger beleuchtet den Status Quo und blickt auf Lösungsmöglichkeiten.
Unterlagen
Transkription:
Klaus Miesenberger: Gut, geschätzte Damen und Herren, ich bräuchte jetzt das iPhone von Marco Zehe – Ich müsste mich mit tiefer Stimme ankündigen und bei Sprecher sollte ich dann mit normaler Stimme weiter machen. Wie gesagt, ich habe mich schon vorgestellt. Klaus Miesenberger von der Universität Linz, und ich habe als Mitarbeiter an der Universität natürlich viel mit Bildung zu tun. Und die Eva, Frau Eva Papst, hat mich in der Vorbereitung vor einigen Monaten gefragt, ob es denn nicht möglich wäre, bei dieser Veranstaltung auch einiges über das Thema Bildung, Weiterbildung im Bereich Barrierefreiheit zu sagen.
Wie schon angesprochen von Herrn Lender am Anfang, wie angesprochen von einigen mehr, es ist dieser Kreis, der sich hier trifft, es noch immer noch Accessibility, es ist noch immer eine kleine Community, die sich trifft, aber die Umsetzung von Barrierefreiheit im großen Kontext geschieht eigentlich noch relativ wenig. Deswegen habe ich mir auch erlaubt, das Thema zu wählen „Mainstreaming Accessibility“, wieder ein wunderschöner Anglizismus. „Was Web-Designer im Web-2.0-Zeitalter wissen sollten“.
Eigentlich wollte ich einen anderen Untertitel wählen, „Was Webdesigner eigentlich noch nie wahrnehmen wollten oder wissen wollten über Barrierefreiheit“, denn das ist, denke ich, letztendlich das Problem, nämlich Barrierefreiheit in die Praxis umzusetzen. Mein Vortrag, das, was ich machen möchte, ist letztendlich ein Plädoyer, nämlich Accessibility einzubinden in einen möglichst breiten Kontext, und damit natürlich auch in einen Kontext der Ausbildung in möglichst frühen Jahren, dass das Bewusstsein für Barrierefreiheit entsteht und das mit diesem Bewusstsein dann letztendlich auch das Interesse an Weiterbildung in diesem Bereich entsteht, denn ich bin davon überzeugt, als Community, als kleine Community, letztlich jede Webseite, die entsteht, werden wir nicht umsetzen können.
Deswegen mein Thema Bildung, Sensibilisierung, und wenn das 21. Jahrhundert das Informationszeitalter ist, dann sollte letztendlich auch Barrierefreiheit ein Grund- und Menschenrecht in diesem 21. Jahrhundert sein. Damit mach ich mit meinem Thema natürlich etwas einen Bruch zu den vorher praktischen Themen, aber ich denke vielleicht vor dem Mittagessen und als Abwechselung ist das durchaus auch geeignet als Beitrag. Damit habe ich aber eigentlich schon alles gesagt, was ich sagen wollte.
Ich habe mein Plädoyer abgegeben, aber ich entlasse Sie natürlich noch nicht in die Mittagspause. Ich möchte Ihnen eine Frage stellen, nämlich wer von Ihnen das erste Mal hier beim A-Tag ist? Doch einige, ja. Doch einige, und mehr, also wahrscheinlich nicht ganz die Hälfte. Ich möchte auch fragen, wer von Ihnen eine Ausbildung im Bereich Accessibility hat, Barrierefreiheit. Da werden die Hände sparsamer gehoben.
Zwischenfrage: Was ist denn mit Ausbildung gemeint?
Eine formale Ausbildung, ob das ein Kurs ist, ob das ein Lehrgang ist oder ähnliches. Also es zeigt sich, Weiterbildung in diesem Bereich geschieht, deswegen auch das Thema Web 2.0 sehr stark über den informellen Bereich. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit.
Was aber ein Faktum ist, was ich schon angesprochen habe, das Web wächst exponential, der Bereich von Barrierefreiheit, von barrierefreien Webseiten wächst vergleichsweise langsam. Der Prozentsatz barrierefreier Webseiten, wenn man es kalkulieren würde, nimmt tendenziell ab, es werden immer weniger Webseiten, weil eben ständig so viele Webseiten dazu kommen. Dennoch glauben wir, und sind in unserer Community überzeugt, wir wissen Bescheid über Accessibility, wir wissen über die ethisch-moralische Notwendigkeit, wenn wir die technischen Voraussetzungen haben, dass wir Barrierefreiheit umsetzen sollten. Wir sind uns bewusst der statistischen Zahlen, wie viele von Barrierefreiheit bis hin alle profitieren können. Wir wissen Bescheid, wir haben es als Community, als Pressure Group auch geschafft, dass eben dementsprechend politisch die Notwendigkeit von Barrierefreiheit wahrgenommen wird.
Klaus Miesenberger Wir haben dementsprechende politische Rahmenbedingungen, ich habe ja angeführt I2010 auf europäischer Ebene, wo eben quasi wirklich ein politischer Framework verfügbar ist, der Barrierefreiheit unterstützt. Wir haben rechtliche Rahmenbedingungen, Anti-Diskriminierungs-Gesetzgebungen, E-Government-Gesetz, Barrierefreiheitsgesetz, und so weiter. Wir haben technische Rahmenbedingungen, wir haben Tools, wir haben Richtlinien. Wir haben auch wirtschaftliche Argumente, vorher kalkuliert.
Natürlich, hier wird die Suppe schon etwas dünner in Bezug auf die wirtschaftliche Umsetzung und das man uns glaubt, dass barrierefrei dementsprechend auch leistbar, notwendig und am Ende auch profitabel sein kann. Mehr wissen wir natürlich, dass es sozialwirtschaftlich profitabel ist, in einer Gesellschaft, die technisiert ist, die Self-Service-Terminals verwendet, wo direkt Kontakt-Service abgebaut wird. Dort ist natürlich Barrierefreiheit wichtig, weil all jene, die Services, technische Services nicht mehr bedienen können, auch von diesen ausgeschlossen werden. Aus all dem heraus könnte man natürlich auch erwarten, technische Rahmenbedingungen, rechtliche Rahmenbedingungen, ethisch-moralische Rahmenbedingungen, und so weiter, es müsste doch einen Run auf Weiterbildungsangebote geben, es müsste doch für jeden selbstverständlich werden, sich mit Barrierefreiheit auseinander zu setzen.
Dies war eine meiner wohl falschesten Fehleinschätzungen, die ich die ich in den letzten Jahren gemacht habe. Wir haben uns sehr stark konzentriert in unserer Arbeit an der Universität, solche Weiterbildungsangebote aufzubauen. Einen viersemestrigen Lehrgang im barrierefreien Webdesign, Lehrgänge im Bereich assistierender Technologien, aber auch kürzere Lehrgänge, 2-Tages-, 3-Tages-Seminare in Kooperation mit der österreichischen Computergesellschaft, in Kooperation mit der Verwaltungsakademie, und so weiter. Letztendlich, das Ergebnis dieses Versuches, das Know-how nach außen zu bringen, sind relativ spärlich. Viele dieser ambitionierten Projekte sind letztendlich daran gescheitert, dass eben wirklich kein Interesse gekommen ist.
Aber dennoch, wir müssen als Community versuchen, Barrierefreiheit nach außen zu tragen. E-Accessibility ist fordernd, wir reden nicht von Barrierefreiheit von Webseiten, die ganz speziell für Menschen mit Behinderungen, mit Beeinträchtigungen erstellt werden, sondern Mainstreaming Accessibility oder Accessibility meint, das Internet als Gesamtes sollte Schritt für Schritt barrierefrei werden. E-Accessibility ist daher fordernd, es wendet sich an Dritte, es wendet an die Allgemeinheit, und deswegen denke ich, wenn ich das so überlege, auch in Anbetracht des eigenen Scheiterns mit den Kursen, bedarf es auch etwas anderes als dieses reinen Faktenwissens, um Barrierefreiheit, um Umsetzungen, um Techniken von Barrierefreiheit.
Es gibt mehrere Ebenen von Wissen, es gibt so etwas wie explizites exploratives Wissen um Barrierefreiheit, technisches Wissen, aber es gibt auch implizites Wissen, das mehr in Einstellungen, Meinungen, Überzeugungen zum Ausdruck kommt, die eigentlich Voraussetzungen sind, dass sich jemand mit Barrierefreiheit überhaupt setzt. Und das führt mich dann natürlich zurück zum Begriff der Bildung. Ausbildung, Weiterbildung, das zu erlernen, was man in der Gesellschaft allgemein als selbstverständlich annimmt. Der griechische Begriff „Paideia“ für Bildung heißt Formung, Anpassung, eigentlich das, was wir ja alle gemeinsam wollen. Wir haben die Richtlinien, wir haben die Techniken, die da draußen sollen doch endlich beginnen, das alles zu übernehmen und umsetzen. Wünschen wir uns, ist aber nicht der Fall.
Dieser Begriff von Bildung, Formung und Anpassung an eine gegebene Welt hat sich natürlich über die Zeit hinweg verändert. Er beruht auf einem bestimmten Kanon von Wissensfäden, von gewissen Bereichen, die sich kulturell entwickelt haben und die sich dann verknoten zu etwas, zu so etwas wie einem Kanon des Wissens, der allgemein gültiges Wissen, Verständnis, Grundverständnis in der Gesellschaft darstellt und Messstab, Messlatte ist für das, was man als die Welt, als die Gesellschaft versteht. Teil dieses Maßstabes, Teil dieser verbindlichen Vorschriften zu sein, das, denke ich, ist auch ein Ziel der Barrierefreiheit, nämlich ein Selbstverständnis für Barrierefreiheit zu erzeugen, das letztendlich dann auch dazu führt, das die Menschen sich für Barrierefreiheit interessieren, dementsprechend sich das Wissen aneignen und in der Praxis dann auch breiter umsetzen können. Aber Bildung ist natürlich widersprüchlicher, es ist nicht nur die Anpassung an gegebene Normen, Formen in der Gesellschaft.
Bildung ist auch das Heranbilden von Personen, sich selbständig zu entfalten, Dinge zu verändern, auf die Umwelt Einfluss zu nehmen, auf die Gesellschaft Einfluss zu nehmen, und darin besteht natürlich auch eine Chance, das traditionelle Bild von Behinderung, das tradierte Bild von Menschen mit Behinderungen zu verändern und ein modernes, barrierefreiheits orientiertes Grundverständnis in unserer Gesellschaft zu verankern. Bildung ist demnach auch gefährlich, denn wenn wir versuchen, die Gesellschaft zu verändern, wenn wir versuchen, Barrierefreiheit als Grundanforderung durchzusetzen, dann dringt man natürlich in Bereiche ein, wo es schon angestammte Rechte, Selbstverständnis gibt, und wo man ein Störfaktor ist. Wo man, wie vorher angesprochen, ein wirtschaftlicher Störfaktor ist, wo man ein Störfaktor im Bereich des Designs ist, das man nicht den herkömmlichen Designnormen und ähnlichem entspricht und damit wird Barrierefreiheit natürlich zu etwas, wogegen es Resistenzen gibt. Was ein spannendes Thema sein kann, sich einmal, bei uns in Österreich im Advent, mit Licht ins Dunkel vielleicht auseinandersetzt, aber ansonsten letztendlich sagt, das kann es letztendlich nicht sein, hier gegen haben wir Resistenzen, es entspricht nicht unserem Grundverständnis von Gesellschaft.
Dennoch, was wir wollen, Barrierefreiheit, Accessibility soll eine Kulturtechnik werden, soll bereits in jugendlichen, frühen Jahren als Teil der Kultur, als Selbstverständnis entwickelt werden, um letztendlich unser Ziel zu erreichen, dass eben Barrierefreiheit nicht nur in einem Kreis von Spezialistinnen umgesetzt wird, sondern breit umgesetzt wird. Hier kommt uns natürlich die technische Revolution, IKT-Revolution der letzten Jahre entgegen. Die Mensch-Maschine-Kommunikation, ich sehe einige hier, oder fast jeder hat entweder sein Handy in der Hand oder sein iPad oder sein Notebook.
Alle arbeiten letztendlich an unterschiedlichsten Prozessen mit den gleichen Elementen, Grundelementen, Windows Icons, Menu, Pointers, Speech, Images, Language, Knowledge, und so weiter, eine beschränkte Anzahl von Elementen, die eingesetzt wird, eine beschränkte Anzahl von Aktionen – drag & drop und so weiter, bis hin eben jetzt den neuen G-Stick-Interaktionssystemen, aber mit diesen Grundfertigkeiten und Fähigkeiten kann man letztendlich alles, was in der Gesellschaft, alle Bereiche, die in der Gesellschaft vorhanden sind, werden mehr oder minder in gewissen Teilen durch diese Systeme, durch diese Elemente bedient. Kommt mir vor wie bei der Evolution, wo wir auch eine beschränkte Anzahl von Elementen haben, vier Basen, die eine beschränkte Anzahl an Kombinationen eingehen können, aber eine unendliche Anzahl von Verbindungen, Anwendungen generieren können, so Evolution, Veränderung entsteht. Diese technischen Möglichkeiten, die vorhanden sind, ändern damit auch das Grundverständnis von Gesellschaft, weil sie eben in alle Bereiche eindringen, weil sie in allen Bereichen Anwendung finden. Habermas hat formuliert, der Umgang mit dem PC könnte in die Tiefengrammatik des lebensweltlichen Hintergrundes – das ist jetzt genau so ein Satz, wo jemand Angst hat vor dem Punkt – lebensweltlichen Hintergrundes eingreifen und paradigmatische Sichtweisen, ja Modelle der Weltauslegung verändern.
Es geht nicht nur um die technischen Anwendungen, denn mit diesen technischen Möglichkeiten verstehen Menschen auch, das zum Beispiel Behinderung nicht mehr ein rein individuelles Phänomen ist, ein rein individuelles Problem, sondern das Behinderung durch unsere Gestaltung der Lebenswelt, so wir unsere Umwelt barrierefrei oder auch Internetsysteme barrierefrei gestalten, dementsprechend wird sich daraus eine Behinderung oder auch keine Behinderung ergeben. Die Begriffe von Normalität und Abnormalität in dieser flexiblen, gestaltbaren technischen Umwelt verlieren ihren Sinn von Eigenschaft von Individuen, sondern Abnormalität, Behinderung sind letztendlich immer mehr Eigenschaften der Systeme, der Gesellschaft, ob Sie eben die Teilnahme von Menschen mit Behinderungen oder Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen ermöglichen oder auch nicht. Oder wie es eben die Gruppe selbst von Menschen mit Behinderungen formuliert: Man ist nicht behindert, man wird durch die Gestaltung der Lebenswelt dementsprechend behindert.
Als Community, so wie wir uns hier treffen, denken wir, dieser Wandel hätte sich letztendlich ja schon vollzogen. Wir sprechen in der International Classification of Functions and Disabilities der WHO von einem medizinischen Begriff der Behinderung, eines individuellen Begriffs, den wir überwunden hätten, eines Umgebungsbezogenen, wo wir Umgebungsfaktoren mit einbeziehen, heute hin zu einem sozial-konstrutivistischen Begriff von Behinderung. Das eben Behinderung durch unser tägliches Handeln und Agieren, durch das Gestalten von Webseiten zum Beispiel, Behinderung letztendlich erst erzeugt wird. Dieses Selbstverständnis, und jetzt komme ich wieder zurück auf den Bereich der Bildung, ist nicht überall so verankert. Oberflächlich betrachtet, wenn man Leute fragt, Integration, na selbstverständlich. Ich habe hier ein Beispiel eines Textes aus einem Lehrbuch, das heuer, oder heute, im Jahr 2010, noch immer im Bereich der Medizinausbildung verwendet wird. Ich darf zitieren: „Sehbehinderte haben eine weit größere Zahl von Berufen offen als Blinde. Neben der zentralen Sehschärfe kommt es auch auf Größe des Gesichtsfeldes, der Intelligenz, Persönlichkeitsstruktur, soziale Herkunft und Bildungsvorgeschichte des Kindes an sowie auf die örtlichen Schulmöglichkeiten.“ Sehr gut, wünschen wir uns. „Es ist wichtig, diese Kinder rechtzeitig, ehe sie wegen ihrer Sehschwäche zurückbleiben, aus der normalen Schule herauszunehmen und in Sehschwachenschulen zu bringen. Lupenbildung Seite soundso.“ Ich habe es absichtlich nicht dazu geschrieben, wo ich das gefunden habe.
Es gibt ähnliche Beispiele, vielleicht nicht in dieser Deutlichkeit, ich habe es deswegen genommen, weil es sehr deutlich macht, das Grundverständnis einer barrierefreien, offenen Gesellschaft für alle doch noch nicht in dieser Tiefe, in diesem Unterbewusstsein, in diesem Selbstverständnis vorhanden ist, und ich denke, das sollte und könnte auch eine Ansatzpunkt sein, wo wir aktiv werden können, nämlich Einfluss zu nehmen auf die Curricula, Einfluss zu nehmen in den Bildungsbereich in den frühen Phasen und zu durchforsten, welches Bild von Behinderung, welches Bild von Barrierefreiheit, und damit auch welches Bild von Technik grundsätzlich in unserer Gesellschaft vermittelt wird. Ich hab einige solche Beispiele gefunden wie das hier, das ich für das extremste halte, das ich gefunden habe, aber das findet sich neben der Medizin auch in der Sonderpädagogik, das findet sich auch in technischen Bereichen, das findet sich auch in Bereichen wie Psychologie, und so weiter, wo man spürt, beim Lesen dieser Grundkonzepte, dieses Grundverständnisses, das eben eine offene und barrierefreie Gesellschaft noch immer nicht durchgedrungen ist.
Das Beispiel, das mir immer am Besten gefällt, ich glaube es ich gekommen von Franz-Joseph Huainigg, wie es um die Diskussion gegangen ist um die Aktion Licht ins Dunkel, der ich gar nicht Ihren Wert und Ihre Wichtigkeit absprechen möchte, aber letztendlich wollen ja Menschen mit Behinderungen gar nicht ins Dunkel, dass man Ihnen dann das Licht hinterher tragen muss, sondern das hilft eigentlich ja niemandem, sondern letztendlich in vielen Bereichen wäre es wichtiger, von vornherein Barrierefreiheit mitzudenken. Barrierefreiheit im Bildungsbereich, Barrierefreiheit im Baubereich, Barrierefreiheit im Informationsdesign, im Webdesignbereich, damit eben viel weniger dessen, was eben notwendig ist, um Fehler im Nachhinein zu korrigieren, über Charity Aktionen, zu denen letztendlich, sehr oft, Aktivitäten der Barrierefreiheit degradiert werden, dass sie von vornherein mehr Berücksichtigung finden. Damit mein Plädoyer, Mainstreaming Accessibility, um dieses Selbstverständnis zu erzeugen, und das ist derzeit meine Überzeugung, und vielleicht lieg ich wieder einmal falsch, aber ich hoffe doch nicht, erfordert es, ein Plädoyer für die Einbindung von Barrierefreiheit in die Curricula, in die Schulbücher, in die Lehrerinnen, Expertinnen Ausbildung und auch hinein in dieser offenen, selbst lernenden Jugendkultur oder dieses geeky freaky Lernen allgemein im Internet dort hinein zu bringen. Nur dann können wir es schaffen, dass aus einem neuen Selbstverständnis heraus Barrierefreiheit vielleicht auch besser umgesetzt wird.
Und vor allem auch deswegen, darüber brauch ich hier nicht zu diskutieren, Web 2.0 heißt, dass immer mehr Entwicklerinnen, oder das Nutzerinnen Autorinnen sind, das Autorinnen Designerinnen sind und das eben letztendlich jeder beiträgt zur Verständlichkeit, Nutzbarkeit des Webs, und deswegen letztendlich jeder über Barrierefreiheit zumindest in den Grundzügen Bescheid wissen sollte. So wie über Grundsätze von Usability sollten auch die Grundsätze von Barrierefreiheit jedem, der im Web sich bewegt und Content beiträgt, zumindest nicht fremd sein. Zielgruppen, wie angesprochen, sind damit alle, die Allgemeinheit, ein Grundverständnis zu haben, Barrierefreiheit nachzufragen, Barrierefreiheit als wichtiges und oft auch als Kostenfaktor mit zu berücksichtigen.
Auch in Richtung Menschen mit Behinderungen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, die ja oft auch resistent sind gegen solche Erneuerungen, weil es ihren angestammten Bereich der Aktivitäten stört. Diese Offenheit, diese Freiheit, und da auch aus diesem Bereich Resistenzen kommen, den Bereich der Politik und der Verwaltung, wo es natürlich auch sehr stark darum geht, wie man Barrierefreiheit in Geschäftsmodelle, in Ablaufprozesse des Politischen einbauen kann, in die Verwaltung einbauen kann, das eben Barrierefreiheit nicht mehr so stark ein Störfaktor ist, sondern von vornherein mitgedacht werden kann. Entscheidungsträgerinnen in Wirtschaft und Gesellschaft, dass sie eben Beispiele des ökonomischen Nutzens haben, Beispiele, wie sie vorher angesprochen wurden. Der Umweg, obwohl ich denke, es ist kein Umweg, der Umweg, Rentabilität von Barrierefreiheit zu finden, hier Beispiele zu haben, hier Informationsgrundlagen zu haben, die letztendlich dann natürlich auch in diese Curricula, in diese Lehrbücher, in die Ausbildung mit hinein gehen sollen.
Designerinnen, die natürlich sehr stark die Widersprüche zu spüren bekommen, einerseits der Marketingabteilungen, die natürlich Hive-Entwicklungen haben möchten, wo kein einziges Bit und kein einziges Byte der Corporate Identity gestört werden soll, und andererseits die Anforderung der Usability und der Barrierefreiheit und die dann natürlich von links nach rechts gerissen werden, wobei aber unsere Gruppe der Barrierefreiheit noch immer die schwächere Gruppe ist und meistens die Webseiten in Richtung Marketing gerissen werden. Technikerinnen, natürlich, dass sie ein Grundverständnis entwickeln.
Nicht nur der Kreis der Technikerinnen hier, sondern allgemein alle, die sich mit solchen Technologien auseinandersetzen, und natürlich auch die Autorinnen, und damit zurück zum Anfang, die Allgemeinheit, denn heute sind ja letztendlich alle Autorinnen. Wir brauchen Einfluss, wir brauchen Curricula, wir brauchen Tools, Templates, Patterns, Beispiele die es erleichtern. Wir brauchen informelle Präsenz, wir brauchen Spezialistinnen, wir brauchen Beispiele die letztendlich dazu führen, dass eben Barrierefreiheit mehr zu einem Allgemeingut wird.
Ich habe trotz der vielen Enttäuschungen, die ich erlebt habe, nicht aufgegeben. Vielleicht vergleichbar, und deswegen bin ich froh, dass das angesprochen wurde mit Accessibility.at, wir betreiben oder beginnen seit 2 Wochen, ein ähnliches Netzwerk auf europäischer Ebene, heißt E-Access-Plus, das eben versucht, genau eine solche Plattform auch darzustellen, technische Lösungen, also interessierte Personen genau zu der Information zu bringen, die ihnen in der Praxis im Moment genau hilft. Und was mich auch freut an unserer Universität, es wird ein neuer Studiengang, nämlich Web-Wissenschaften eingerichtet, der sich beschäftigt nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in juridischer Hinsicht, auch in sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Hinsicht, in psychologischer Hinsicht mit Webdesign, Webentwicklung, seinen Auswirkungen in der Gesellschaft.
Ich dachte mir, ich bekomme ein Modul für Barrierefreiheit, das hat man mir sofort wieder weggenommen, war aber keine Enttäuschung, denn es wurde positiv vereinbart, das in jedes dieser Module Barrierefreiheit aufgenommen wird. Barrierefreiheit aus juristischer Sicht, Barrierefreiheit aus psychologischer pädagogischer Sicht, Barrierefreiheit aus technischer Sicht, das ist mir geblieben, und damit in einem Studiengang, der eben Web als Erkenntnisgegenstand der Wissenschaft im Gesamten betrachten wird, das in all diesen Bereichen Barrierefreiheit mit berücksichtigt wird.
Ich hoffe, es wird nicht wieder solch ein Rohrkrepierer wie mach anderes, und es wird da zu führen das Barrierefreiheit besser umgesetzt werden kann. Und ich denke, damit bin ich mit meiner Predigt am Ende, und ich hoffe doch, einige Unterstützer für dieses Anliegen zu finden, nämlich Einfluss zu nehmen auf jene, die Verantwortung haben in der Gestaltung von Curricula, von Ausbildungsgängen, die vielleicht vorab überhaupt nichts mit Barrierefreiheit zu tun haben. Die aber das Grundverständnis, die Grundhaltung gegenüber Menschen mit Behinderungen, gegenüber einer offenen, frei, offen gestalteten Gesellschaft und damit auch gegenüber Barrierefreiheit festlegen und beeinflussen. Herzlichen Dank. Kann es dazu Fragen geben? Ich sollte wieder die tiefere Stimme verwenden.
Zwischenfrage: Was mir da jetzt aufgefallen ist, Sie haben am Anfang erwähnt, das eigentlich kaum jemand eine formale Ausbildung im Bereich Web Accessibility hat, und das aber bei uns, bei den Webdesignern, es aber so ist, auch so eine formale Ausbildung fürs Webdesign kaum jemand hat. Wie kann also der richtige Weg sein, einen Studiengang, also jetzt nicht den Studiengang an sich zu kritisieren, aber wie kann…ich glaub, mir sann immer noch auf dem falschen Weg. Wir versuchen, das über formale Ausbildungen einzubringen, und es geht aber viel darum, dass sich die Leite selber beibringen.
Klaus Miesenberger Klaus Miesenberger: Danke, Sie haben mich verstanden. Es ist der falsche Weg, ja. Ich denke, das es genau richtig ist, dass es das für die praktischen Techniken, für die Feinheiten der Umsetzung unbedingt notwendig ist, weil die technischen Änderungen zu schnell sind und so weiter, das man hier sehr, sehr viel selbst investieren muss. Life long learning ist in diesem Bereich, da braucht man nicht zu diskutieren.
Was ich meine, damit eben Barrierefreiheit auch in diesem schnellen, schnelllebigen Geschäft mitgedacht wird, bedarf es einer Grundhaltung, nämlich einmal ein Verständnis für Barrierefreiheit zu entwickeln, zu verstehen, dass es auch Techniken gibt, zu verstehen, dass es wirtschaftlichen Nutzen gibt, das es sozialen Nutzen gibt und so weiter, und basieren darauf wird man dann auch dieses große Know-how, das ja in unserem Bereich schon vorhanden ist, wird das auch genutzt werden. Ich glaube nicht, dass es in der Zwischenzeit, ich bin überzeugt, dass es nicht eine formale Ausbildung auf der Ebene ist, sondern das es darum geht, in die existierenden formalen Ausbildungen, die vielleicht mit Technik noch gar nichts zu tun haben, dort schon von Grund auf beginnt, in Richtung Barrierefreiheit das auch mitzudenken… Noch eine Frage.
Zwischenfrage: Ja hallo. Im täglichen Umgang also jetzt mit Kunden, die Webseiten von uns wollen und natürlich auch Designern, erleben wir ja den täglichen Krieg, und gibt es da jetzt irgendwelche Ansätze bei diesen Portalen, das Ganze jetzt mal spielerisch darzustellen, also sprich jetzt für den Kunden auch mal zum Beispiel Beispiele zu zeigen, wie Webseiten aussehen können, die barrierefrei sind und trotzdem den ästhetischen Ansprüchen der Kunden genügen könnten.
Klaus Miesenberger: Ich bin überzeugt es gibt es sie, in diesem Raum sind mindestens 20 Entwicklerinnen und Entwickler, die hoch attraktive, den Ansprüchen modernsten Designs im Sinne künstlerischen und grafischen Designs entsprechen und trotzdem, oder vielleicht deswegen sogar, barrierefrei sind. Das Problem, das ich sehe, ist, das jene Kunden, die Interesse haben, nicht zu diesen Beispielen finden. Das heißt, wir können die Personen im Moment noch nicht, und deswegen bin ich so froh über die Initiative Accessibility AT, nämlich so etwas zu haben wie einen Hub, wo man dann kommentiert schneller, effizienter findet, was man eigentlich sucht. Das ist das, was wir noch nicht haben.
Wir haben WCAG-Richtlinien, wir haben Beschreibungen von Tools und so weiter, aber irgendwie ist es noch nicht das, wo wirklich der Prozess der Barrierefreiheit sich verselbstständigen würde. Ich denke, hier gibt es einige neue Ansetzungen, in diese Richtung müssen wir es auf jeden Fall versuchen. Das die Information natürlich noch nicht Tausende von Beispielen, aber die wenigen Beispiele, die das sind, dass die auch bei den interessierten Entscheidungsträgerinnen, Entscheidungsträgern, Entwicklerinnen, Entwickler, auch ankommen….So, jetzt hören wir auf, oder? Ich wollte nicht so lange reden. Dann bedanke ich mich für die Aufmerksamkeit.
Bilder von web’n’foto.
Tomas Caspers
Sylvia Egger
Eric Eggert
Wolfram Huber
Stefanie Meißner
Klaus Miesenberger
Peter Minarik
Philipp Naderer
Michael Rederer
Marco Zehe
Klaus Miesenberger